Systemisch-lösungsorientierter Ansatz – worum es dabei geht

Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz verbindet zwei Perspektiven, die in der Kinder- und Jugendhilfe inzwischen fest etabliert sind: systemisches Denken und lösungsfokussierte Kurzzeitinterventionen. Statt ausschließlich auf Probleme zu schauen, rückt dieser Ansatz Beziehungen, Ressourcen und konkrete Zukunftsbilder in den Mittelpunkt.

Für Ihre Praxis bedeutet das: Nicht einzelne Defizite stehen im Vordergrund, sondern die Frage, wie sich die Situation eines Kindes oder einer Familie im Zusammenspiel der beteiligten Systeme – Herkunftsfamilie, Schule, Einrichtung, Jugendamt – nachhaltig verbessern kann.

Was „systemisch“ in der Jugendhilfe bedeutet

Systemische Arbeit geht davon aus, dass Verhalten immer im Zusammenhang mit Beziehungen und Kontexten verstanden werden muss. Kinder, Jugendliche und Eltern bewegen sich gleichzeitig in verschiedenen Systemen – Familie, Peers, Schule, digitale Räume und Hilfesettings.

Anstatt zu fragen, wer schuld ist, richtet der systemische Blick den Fokus auf Muster und Zusammenhänge:

  • Welche Routinen und Reaktionsketten haben sich im Alltag herausgebildet?
  • Wer reagiert wie auf wen – und was hält diese Muster aufrecht?
  • Welche Rahmenbedingungen (z. B. Armut, Krankheit, Migration, Schulstruktur) beeinflussen die Situation zusätzlich?

Auf diese Weise werden einseitige Zuschreibungen (etwa „das schwierige Kind“) vermieden. Der Blick öffnet sich für Wechselwirkungen und Veränderungsmöglichkeiten – ein wichtiger Ausgangspunkt für wirksame Hilfeplanung.

Was „lösungsorientiert“ konkret heißt

Lösungsorientiertes Arbeiten bedeutet nicht, Probleme zu verharmlosen oder wegzureden. Es verschiebt vielmehr den Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit:

  • Weniger detaillierte Ursachenforschung („Woher kommt das Problem genau?“)
  • Mehr Klärung von Zielen („Woran würden Sie merken, dass es besser geworden ist?“)
  • Mehr Blick auf Ausnahmen und gelingende Situationen („Wann klappt es schon ein Stückchen besser – und was ist dann anders?“)
  • Mehr Nutzung von Ressourcen („Welche Stärken und Unterstützerinnen und Unterstützer gibt es im Umfeld des Kindes?“)

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie ein besserer Alltag für das Kind, die Familie und das Umfeld aussehen soll – und welche kleinen, machbaren Schritte dahin führen.

Warum der Ansatz gut zur Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII passt

Im Hilfeplanverfahren geht es um Beteiligung, Transparenz und überprüfbare Ziele. Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz unterstützt genau diese Anforderungen:

  • Er hilft, Ziele verständlich und konkret zu formulieren („Was soll sich bis zum nächsten Hilfeplangespräch verändert haben?“).
  • Er bezieht verschiedene Perspektiven ein (Kind, Eltern, Pflegefamilie, Einrichtung, Schule, Jugendamt) und macht unterschiedliche Sichtweisen sichtbar.
  • Er fördert Beteiligung und Eigenverantwortung, indem Kinder, Jugendliche und Eltern als Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt ernst genommen werden.
  • Er ermöglicht Wirkungsorientierung, weil Zwischenschritte und Indikatoren gemeinsam beschrieben und später überprüft werden können.

So werden Hilfepläne zu lebendigen Arbeitsinstrumenten – und nicht nur zu formalen Dokumenten.

Typische Arbeitsweisen: Fragen, Skalen, Ausnahmen

In der systemisch-lösungsorientierten Praxis haben sich einige Frageformen besonders bewährt. Sie lassen sich gut in Hilfeplangesprächen, Fallbesprechungen und Alltagsdialogen einsetzen:

  • Ziel- und Zukunftsfragen
    „Angenommen, wir blicken in einem Jahr zurück: Woran würden Sie merken, dass die Hilfe wirklich etwas bewirkt hat?“
  • Wunderfrage
    „Stellen Sie sich vor, über Nacht wäre wie durch ein Wunder vieles besser geworden – woran würden Sie und das Kind es als erstes merken?“
  • Skalenfragen
    „Auf einer Skala von 0 bis 10: Wo stehen Sie heute, wenn 10 bedeutet, dass das Ziel vollständig erreicht ist? Was macht aus Ihrer Sicht den Punkt aus, an dem Sie gerade stehen? Und was wäre ein halber Punkt mehr?“
  • Ausnahmefragen
    „Wann war es in den letzten Wochen ein kleines Stück besser – und was war an diesen Tagen anders als sonst?“

Diese Gesprächsformen helfen, konkrete Bilder von einer gelingenden Zukunft zu entwickeln und die Aufmerksamkeit auf hilfreiche Muster im Alltag zu lenken – ohne die Belastungen zu bagatellisieren.

Haltung: Wertschätzung, Nicht-Wissen und Ressourcenblick

Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz ist mehr als ein Methodenbaukasten. Er setzt eine bestimmte Grundhaltung der Fachkräfte voraus:

  • Wertschätzung: Familien und junge Menschen werden nicht auf Diagnosen oder Problemverhalten reduziert, sondern in ihrer gesamten Lebenssituation gesehen.
  • „Nicht-Wissen“: Fachkräfte verstehen sich als Expertinnen und Experten für Prozesse, nicht für das Leben der Klientinnen und Klienten. Sie bringen Struktur, Fragen und Ideen ein – die konkreten Lösungen werden gemeinsam entwickelt.
  • Ressourcenorientierung: Neben allen Problemen und Risiken werden bewusst auch Stärken, Bewältigungsstrategien und unterstützende Beziehungen wahrgenommen und genutzt.
  • Kontextsensibilität: Strukturelle Faktoren (z. B. Armut, Diskriminierung, Überlastung von Systemen) werden mitgedacht, statt Schwierigkeiten ausschließlich einzelnen Personen zuzuschreiben.

Gerade in belasteten Situationen kann diese Haltung entlastend wirken – für Familien ebenso wie für Fachkräfte.

Integration mit Kinderschutz, Traumapädagogik und anderen Ansätzen

In vielen Fällen der Kinder- und Jugendhilfe sind systemische und lösungsorientierte Perspektiven allein nicht ausreichend. Bei Themen wie Kinderschutz, Traumafolgen oder psychischen Erkrankungen braucht es zusätzliche fachliche Brillen – zum Beispiel:

  • Signs of Safety im Kinderschutz,
  • Traumapädagogik mit dem Fokus „Sicherheit vor Konfrontation“,
  • Mentalisieren / MBT-inspirierte Ansätze zur Arbeit mit innerem Erleben,
  • Bindungs- und beziehungsorientierte Konzepte.

Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz lässt sich gut mit diesen Konzepten kombinieren: Er bietet den roten Faden für Zielarbeit, Beteiligung und Ressourcenorientierung, während die anderen Ansätze spezifische Risiken und Dynamiken vertieft beleuchten.

Ihr Nutzen in der Praxis

Wenn Sie systemisch-lösungsorientiert arbeiten oder Einrichtungen damit beauftragen, profitieren Sie von:

  • klaren, verständlichen Zielen, die gemeinsam entwickelt und überprüft werden,
  • stärkerer Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Eltern im Hilfeprozess,
  • mehr Sichtbarkeit von Ressourcen, die in Familien, Netzwerken und Institutionen bereits vorhanden sind,
  • einer entlastenden, konstruktiven Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten – auch bei schwierigen Ausgangslagen.

So wird Hilfeplanung nicht nur formal erfüllt, sondern inhaltlich zu einem Prozess, der Entwicklung tatsächlich unterstützt.

Wenn Sie vertiefen möchten

Wenn Sie sich vertiefend mit systemisch-lösungsorientierten Konzepten beschäftigen, finden Sie in der Fachliteratur zahlreiche Anregungen. Häufig genannt werden zum Beispiel Arbeiten von Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Peter De Jong, sowie das systemische Grundlagenwerk von Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer.

FAQ zum systemisch-lösungsorientierten Ansatz

Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz verbindet zwei Perspektiven: Er betrachtet zum einen das Verhalten von Kindern, Jugendlichen und Familien im Zusammenhang ihrer Beziehungen und Lebenskontexte (systemisch). Zum anderen richtet er den Blick konsequent auf Ziele, Ressourcen und bereits gelingende Momente (lösungsorientiert).

Statt nach Schuldigen zu suchen, steht die Frage im Mittelpunkt: Wie soll der Alltag in Zukunft aussehen – und was funktioniert bereits heute ein kleines Stück besser? Gemeinsam werden konkrete, erreichbare Ziele formuliert und kleine Schritte vereinbart, die zu mehr Sicherheit und Entlastung führen.

In problemorientierten Vorgehensweisen wird oft viel Energie in die Analyse von Ursachen investiert: „Warum ist das so geworden? Wer hat was falsch gemacht?“ Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz nimmt Probleme ernst, bleibt dort aber nicht stehen.

Er fragt vor allem:

  • Was genau soll sich verändern?
  • Woran würden Sie und das Kind merken, dass es besser geworden ist?
  • Wann klappt es heute schon ein wenig besser – und was ist dann anders?

So entstehen konkrete Zukunftsbilder, an denen sich Hilfeplanung, Maßnahmen und Überprüfung der Wirksamkeit orientieren können. Probleme werden nicht ausgeblendet, aber der Schwerpunkt liegt auf Entwicklung und Gestaltung.

Hilfeplanung verlangt Beteiligung, Transparenz und überprüfbare Ziele. Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz unterstützt genau diese Anforderungen:

  • Ziele werden verständlich und alltagsnah formuliert („Woran merkt das Kind selbst, dass die Hilfe ihm guttut?“).
  • Unterschiedliche Perspektiven (Kind, Eltern, Pflegefamilie, Einrichtung, Schule, Jugendamt) werden bewusst nebeneinander gestellt.
  • Fortschritte werden mithilfe von Skalen, Indikatoren und Beispielen aus dem Alltag sichtbar gemacht.
  • Kinder, Jugendliche und Eltern werden als Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt ernst genommen und aktiv einbezogen.

So wird der Hilfeplan zu einem gemeinsamen Arbeitsinstrument – und nicht nur zu einem Verwaltungsformular.

Ja, der Ansatz kann auch bei schwierigen Fällen eingesetzt werden, jedoch in der Regel nicht allein. In komplexen Situationen – etwa mit Kinderschutzthemen, Traumafolgen oder psychischen Erkrankungen – wird der systemisch-lösungsorientierte Ansatz mit weiteren Fachkonzepten kombiniert, zum Beispiel:

  • Signs of Safety im Kinderschutz,
  • Traumapädagogik mit dem Fokus „Sicherheit vor Konfrontation“,
  • mentalisierungs- oder bindungsorientierte Ansätze.

Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz liefert dann den Rahmen für Zielklärung, Beteiligung und Ressourcenarbeit, während die ergänzenden Konzepte spezifische Risiken und Dynamiken vertieft betrachten.

Kinder und Jugendliche profitieren besonders davon, dass:

  • ihre Sichtweise und Sprache ernst genommen werden,
  • sie aktiv in die Zielentwicklung und Bewertung von Fortschritten einbezogen werden,
  • nicht nur ihr problematisches Verhalten, sondern auch ihre Stärken, Interessen und Ideen gesehen werden,
  • es um konkrete Alltagssituationen geht (z. B. „Wie soll es morgens, in der Schule oder in der Gruppe anders sein?“).

Das stärkt Selbstwirksamkeit und Motivation, weil junge Menschen erleben, dass ihre Mitarbeit wirklich etwas bewirkt.

Für Eltern, Jugendämter und Einrichtungen bietet der Ansatz unter anderem folgende Vorteile:

  • Klare, nachvollziehbare Ziele statt allgemeiner Formulierungen („es soll besser werden“).
  • Transparenz: Alle Beteiligten haben ein gemeinsames Bild davon, woran Veränderung erkennbar ist.
  • Struktur und Entlastung in Gesprächen, weil nicht nur Probleme wiederholt, sondern konkrete Lösungen entwickelt werden.
  • Bessere Dokumentation der Wirkung von Hilfen, da Zwischenschritte und Fortschritte sichtbar gemacht werden können.

Damit unterstützt der systemisch-lösungsorientierte Ansatz eine konstruktive Zusammenarbeit – auch dann, wenn Ausgangslagen schwierig und Aufträge unterschiedlich sind.

Weiterführende Links

Wenn Sie den systemisch-lösungsorientierten Ansatz vertiefen oder direkt in die Praxis einsteigen möchten, finden Sie hier weitere Informationen auf meiner Webseite:

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