Signs of Safety (Kinderschutz) – worum es dabei geht

Einordnung: Was ist „Signs of Safety“?

„Signs of Safety“ ist ein fachliches Rahmenkonzept für die Kinderschutzarbeit. Es wurde in den 1990er-Jahren von Andrew Turnell und Steve Edwards gemeinsam mit Praktikerinnen und Praktikern der Jugendhilfe entwickelt und wird inzwischen in vielen Ländern als Leitlinie für die Gefährdungseinschätzung und Sicherheitsplanung genutzt.

Kernidee ist, Gefahren für Kinder klar zu benennen und gleichzeitig konsequent nach bereits vorhandenen Stärken und Sicherheiten zu fragen. Ziel ist ein alltagstauglicher Sicherheitsplan, den alle Beteiligten verstehen, mittragen und im Alltag tatsächlich umsetzen können.

Historische Entwicklung und theoretische Wurzeln

„Signs of Safety“ entstand aus der Erfahrung, dass klassische Kinderschutzverfahren Familien häufig als adressiert und kontrolliert erleben, aber nur begrenzt als beteiligt und verstanden. Turnell und Edwards kombinierten Elemente der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie, systemischer Denkweisen und kooperativer Gesprächsführung mit den rechtlichen und organisatorischen Anforderungen des Kinderschutzes.

Für Ihre Praxis bedeutet das: Risiken und Gefährdungen werden nicht relativiert, sondern strukturiert erfasst. Gleichzeitig werden Ressourcen, gelingende Anteile und tragfähige Beziehungen bewusst gemacht, um Schutz nicht nur anzuordnen, sondern gemeinsam zu gestalten.

Grundhaltung: Kooperation, Klarheit und Ressourcen im Kinderschutz

Die Grundhaltung von „Signs of Safety“ besteht darin, Ihren gesetzlichen Kinderschutzauftrag mit einer kooperativen, wertschätzenden Arbeitsweise zu verbinden. Fachkräfte sollen klar und transparent benennen, welche Gefahren gesehen werden, und gleichzeitig eine Arbeitsbeziehung gestalten, in der Eltern, Kinder und Netzwerkpartner Verantwortung mit übernehmen können.

Dazu gehört unter anderem:

  • Transparenz: Sorgen, Einschätzungen und Erwartungen werden in verständlicher Alltagssprache formuliert.
  • Doppelter Blick: Risiken und Verletzungen werden ernst genommen, ohne bestehende Stärken und Sicherheiten zu übersehen.
  • Beteiligung: Eltern und Kinder sind nicht nur Informierte, sondern aktiv an Einschätzung und Planung beteiligt.

Kernstruktur: Drei Spalten und eine Skala

Bekannt ist „Signs of Safety“ vor allem durch das Drei-Spalten-Modell. Informationen und Einschätzungen werden darin klar gegliedert:

  • Worüber machen wir uns Sorgen? – vergangene Schädigungen, mögliche künftige Gefahren, komplizierende Faktoren.
  • Was funktioniert gut? – Stärken der Familie, gelingende Anteile im Alltag, bereits gelebte Sicherheit.
  • Was muss passieren? – konkrete Sicherheitsziele und nächste Schritte.

Ergänzt wird diese Struktur durch Skalenfragen, zum Beispiel: „Auf einer Skala von 0 bis 10 – wie sicher ist das Kind aus Ihrer Sicht heute?“ Die Skala wird mit verschiedenen Beteiligten genutzt, um Wahrnehmungen zu vergleichen und Entwicklungen sichtbar zu machen.

Von Sorgen zu Sicherheitszielen und Sicherheitsplänen

„Signs of Safety“ unterscheidet bewusst zwischen problemorientierten Beschreibungen und sicherheitsorientierten Zielbildern. Zunächst werden Gefahrenaussagen formuliert: Was genau ist das problematische Verhalten oder die Situation, und welche Auswirkungen hat sie auf das Kind?

Im nächsten Schritt entstehen daraus Sicherheitsziele: Wie soll der Alltag aussehen, damit das Kind geschützt ist? Wer tut konkret was, wann und wie – und woran ist zu erkennen, dass dies zuverlässig passiert?

Auf Basis dieser Ziele wird ein Sicherheitsplan erarbeitet, idealerweise gemeinsam mit einem erweiterten Familien- und Unterstützungsnetzwerk. Der Plan hält in einfachen Worten fest, wie alle Beteiligten im Alltag dazu beitragen, Gefährdungen zu verhindern und das Kind zu schützen.

Beteiligung von Kindern: „Three Houses“ und weitere Werkzeuge

Ein wichtiges Ziel von „Signs of Safety“ ist es, Kinder nicht nur über Akten oder Fremdeinschätzungen sichtbar zu machen. Ihre eigene Sicht auf Sorgen, gute Momente und Hoffnungen soll aktiv erhoben werden.

Dafür wurden kindgerechte Werkzeuge entwickelt, zum Beispiel die „Three Houses“:

  • Haus der Sorgen – was dem Kind Angst macht oder es belastet,
  • Haus der guten Dinge – was gut läuft und guttut,
  • Haus der Hoffnungen – was sich das Kind für die Zukunft wünscht.

Ergänzend können Sie mit visuellen Skalen, Bildern oder vereinfachten Sicherheitsplänen arbeiten, um Kindern zu ermöglichen, ihre Perspektive in den Prozess einzubringen.

Umsetzung in Praxis und Organisation

„Signs of Safety“ versteht sich nicht nur als Methodensammlung, sondern als Rahmen für die gesamte Kinderschutzpraxis einer Organisation. Einheitliche Landkarten, Fragen und Formate sollen dazu beitragen, dass Fachkräfte, Leitungen und Netzwerkpartner in einer vergleichbaren Logik arbeiten.

In der praktischen Umsetzung umfasst dies unter anderem:

  • die Nutzung der drei Spalten und Skalen in Fallbesprechungen und Hilfeplangesprächen,
  • Schulungen, Praxisleitfäden und Supervision entlang der „Signs of Safety“-Logik,
  • eine Führungskultur, die Beteiligung, Transparenz und Lernbereitschaft unterstützt.

Forschungslage: Verbreitung, Wirksamkeit und Kritik

International ist „Signs of Safety“ in vielen Regionen eingeführt worden. Evaluationsstudien und Reviews zeigen ein gemischtes Bild: Fachkräfte berichten häufig von mehr Struktur, besserer Kooperation und einer klareren Ausrichtung auf Sicherheit.

Zugleich weisen wissenschaftliche Übersichten darauf hin, dass harte Wirksamkeitsnachweise – etwa in Bezug auf Rückgänge von Gefährdungslagen oder Fremdunterbringungen – bislang nur begrenzt vorliegen. Kritisch diskutiert werden zudem Fragen der Implementierungsqualität und der Passung zu nationalen Rechts- und Hilfesystemen.

Bedeutung für Hilfeplanung und Kinderschutzpraxis

Für Ihre Hilfeplanung und Kinderschutzpraxis bietet „Signs of Safety“ einen klar strukturierten Rahmen, um Gefahren, Stärken und Ziele gemeinsam mit Familien und Netzwerken zu bearbeiten. Risiken werden benannt, ohne Ressourcen aus dem Blick zu verlieren, und Sicherheitsziele werden so formuliert, dass sie im Alltag überprüfbar sind.

Genutzt als ergänzender Ansatz neben anderen Fachkonzepten – zum Beispiel Traumapädagogik, bindungsorientierter Arbeit oder mentalisierungsbasierten Zugängen – kann „Signs of Safety“ dazu beitragen, Komplexität zu ordnen und Beteiligung zu stärken, ohne den Schutzauftrag zu verwässern.

FAQ zu Signs of Safety (Kinderschutz)

„Signs of Safety“ ist ein strukturierter Rahmen für die Arbeit im Kinderschutz. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie konkrete Sicherheit im Alltag des Kindes hergestellt und dauerhaft gesichert werden kann. Gefahren und Risiken werden klar benannt, gleichzeitig werden vorhandene Stärken, Unterstützerinnen und Unterstützer sowie bereits gelebte Sicherheiten systematisch sichtbar gemacht.

Ziel ist ein Sicherheitsplan, der für alle Beteiligten verständlich ist und in der Praxis tatsächlich gelebt werden kann – statt Maßnahmen nur auf dem Papier zu beschließen.

In klassischen Verfahren steht häufig die Risiko- und Defizitperspektive im Vordergrund: Welche Gefahren liegen vor, welche Versäumnisse gibt es, welche Auflagen sind nötig? „Signs of Safety“ nimmt diese Aspekte ernst, ergänzt sie aber konsequent um Ressourcen und bereits vorhandene Sicherheit.

Statt nur zu beschreiben, was schief läuft, wird gefragt:

  • Was machen die Eltern und das Netzwerk bereits heute, um das Kind zu schützen?
  • Wann gelingt es schon ein Stück besser – und was ist dann anders?
  • Welche konkreten Sicherheitsziele sollen erreicht werden, damit das Kind geschützt aufwachsen kann?

So entsteht ein balanciertes Bild aus Sorgen, Stärken und konkreten Zielen.

Eltern und Familiennetzwerk sind im Ansatz „Signs of Safety“ aktive Partner im Kinderschutzprozess. Sie werden nicht nur informiert, sondern in Einschätzung und Planung einbezogen. Gemeinsam mit Fachkräften werden Gefahren benannt, Sicherheitsziele formuliert und konkrete Vereinbarungen für den Alltag entwickelt.

Ein wichtiger Baustein ist der Aufbau eines Sicherheitsnetzwerks aus Verwandten, Freunden und anderen Bezugspersonen, die das Kind kennen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Dieses Netzwerk ist zentral, um Sicherheit auch außerhalb formeller Hilfeangebote zu tragen.

„Signs of Safety“ möchte die Sicht der Kinder nicht nur über Akten oder Fremdeinschätzungen berücksichtigen. Mit kindgerechten Werkzeugen – zum Beispiel den „Three Houses“ (Haus der Sorgen, Haus der guten Dinge, Haus der Hoffnungen) – werden Sorgen, Ressourcen und Wünsche aus der Perspektive des Kindes erhoben.

Ergänzend können visuelle Skalen, Bilder oder kleine Sicherheitspläne eingesetzt werden, die Kinder verstehen und mitgestalten können. So erhalten Fachkräfte und Eltern eine klarere Vorstellung davon, wie das Kind seine Situation erlebt und was aus seiner Sicht wichtig ist.

In Hilfeplanung und Gefährdungseinschätzung bietet „Signs of Safety“ eine gemeinsame Landkarte. Die drei Spalten – Sorgen, was gut läuft, was passieren muss – helfen, Informationen zu sammeln und Entscheidungen transparent zu begründen.

Skalenfragen (z. B. „Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie sicher ist das Kind aktuell?“) unterstützen dabei, Einschätzungen unterschiedlicher Beteiligter zu vergleichen und Entwicklungen über die Zeit sichtbar zu machen. Sicherheitsziele und Sicherheitspläne können direkt in Hilfepläne und Vereinbarungen mit aufgenommen werden.

„Signs of Safety“ ist kein Ersatz für andere Fachkonzepte, sondern ein Rahmen, der gut mit ihnen kombiniert werden kann. Besonders bei komplexen Fällen – etwa mit Traumafolgen, psychischen Erkrankungen oder hochstrittigen Konflikten – braucht es zusätzlich traumapädagogische, bindungsorientierte oder therapeutische Ansätze.

In der Praxis hat es sich bewährt, „Signs of Safety“ als Struktur für Gefährdungseinschätzung, Zielklärung und Sicherheitsplanung zu nutzen und fachliche Spezialkonzepte dort einzubringen, wo es um Diagnostik, Behandlung oder pädagogische Feinsteuerung geht.

Weiterführende Links

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