Salutogenese & Resilienz in der Kinder- und Jugendhilfe
Salutogenese und Resilienz rücken die Frage in den Mittelpunkt, was Menschen gesund und handlungsfähig hält – trotz Belastungen und Krisen. In der Kinder- und Jugendhilfe bedeutet dies: Der Blick geht nicht nur auf Risiken und Symptome, sondern systematisch auch auf Stärken, Schutzfaktoren und gelingende Bewältigungsstrategien.
Was bedeutet Salutogenese?
Salutogenese fragt nach den Bedingungen für Gesundheit und Wohlbefinden. Statt die Entstehung von Krankheit (Pathogenese) in den Vordergrund zu stellen, geht es um die Frage: Was hält Menschen trotz Belastung stabil? Zentral ist das Kohärenzgefühl: Die Erfahrung, dass das eigene Leben im Großen und Ganzen verstehbar, handhabbar und sinnhaft ist. Pädagogische Angebote können dazu beitragen, dieses Kohärenzgefühl zu stärken.
Resilienz: Widerstandskraft unter Belastung
Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Kindern, Jugendlichen und Familien, trotz widriger Umstände Entwicklungsschritte zu machen und Krisen zu überstehen. Resilienz gilt heute nicht mehr als angeborene Eigenschaft einzelner Personen, sondern als Ergebnis eines Zusammenspiels aus inneren Ressourcen (z. B. Problemlösefähigkeit, Selbstwirksamkeit) und schützenden Bedingungen im Umfeld (z. B. stabile Beziehungen, sichere Orte, positive Rollenvorbilder).
Risikofaktoren und Schutzfaktoren im Blick
Salutogenese- und Resilienzperspektiven betrachten Risiken und Schutzfaktoren gemeinsam: Belastende Lebensumstände, Konflikte oder chronische Erkrankungen können Risiken erhöhen. Gleichzeitig wirken Schutzfaktoren wie wertschätzende Beziehungen, klare Strukturen, gelingende Schulerfahrungen, Erfolgs- und Selbstwirksamkeitserlebnisse stabilisierend. Fachliche Aufgabe ist es, Schutzfaktoren gezielt zu stärken und Risiken zu reduzieren, statt Kinder und Familien über ihre Problemlagen zu definieren.
Salutogenese & Resilienz in Hilfeplänen nach § 36 SGB VIII
In Hilfeplänen nach § 36 SGB VIII unterstützt eine salutogenetisch-resilienzorientierte Sichtweise eine ausgewogene Fallbeschreibung: Neben Problemen und Risiken werden Ressourcen und Schutzfaktoren systematisch benannt. Ziele beziehen sich auf die Stärkung von Kohärenzgefühl, Selbstwirksamkeit, Bewältigungsstrategien und unterstützenden Beziehungen. Maßnahmen beschreiben, wie konkrete Schutzfaktoren im Alltag aufgebaut oder ausgebaut werden können.
Praxisbeispiele: Resilienzförderung im Alltag
Resilienzförderung im Alltag kann zum Beispiel bedeuten: Kindern und Jugendlichen Verantwortung in überschaubaren Schritten zu übertragen, Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, sie in Entscheidungen einzubeziehen, verlässliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zu sichern, positive Peerkontakte zu unterstützen oder Brücken zu Vereinen, Freizeitangeboten und Schule zu bauen. Wichtig ist eine Balance aus Schutz, Herausforderung und Unterstützung.
Zusammenarbeit mit Eltern und Bezugssystemen
Salutogenese und Resilienz beziehen Eltern, Pflegepersonen und andere Bezugssysteme mit ein. Gemeinsam wird geschaut, welche Stärken und Bewältigungsstrategien bereits vorhanden sind und welche Unterstützung hilfreich wäre. Pädagogische Fachkräfte setzen dabei auf Verständnis, Ermutigung und konkrete Vereinbarungen im Alltag – nicht auf moralische Bewertungen. So können auch Familien, die unter hoher Belastung stehen, eigene Handlungsspielräume wiederentdecken.
Nutzen für Einrichtungen und Jugendämter
Für Einrichtungen und Jugendämter bietet ein salutogenetisch-resilienzorientierter Ansatz mehrere Vorteile: Fallverstehen wird ausgewogener, Hilfepläne werden ressourcenorientierter, Ziele werden ermutigender formuliert und Fachlichkeit wird in Stärken- und Schutzfaktorperspektiven sichtbar. Kinder, Jugendliche und Familien erleben, dass nicht nur ihre Problemlagen im Mittelpunkt stehen, sondern auch ihre Möglichkeiten und Potenziale.
Historische Entwicklung der Salutogenese
Der Begriff Salutogenese geht auf den Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zurück, der seit den 1970er-Jahren die Frage stellte, warum Menschen trotz erheblicher Belastungen gesund bleiben. In seinen Arbeiten beschrieb er das Kohärenzgefühl als zentrale Ressource für Gesundheit: das Gefühl, dass das eigene Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll ist. Diese Perspektive erweiterte die vorherrschende, stark krankheitsorientierte Sichtweise in Medizin und Public Health.
In den folgenden Jahrzehnten wurde salutogenetisches Denken in verschiedenen Handlungsfeldern aufgegriffen: Gesundheitsförderung, betriebliche Gesundheitsförderung, Bildungswesen und Soziale Arbeit. Für die Kinder- und Jugendhilfe sind insbesondere Übertragungen relevant, die sich mit der Stärkung von Bewältigungsressourcen und Sinnhaftigkeit im Alltag von Kindern, Jugendlichen und Familien beschäftigen.
Resilienzforschung: Von der Ausnahmestudie zum breiten Konzept
Die Resilienzforschung entstand aus Langzeitstudien, die Kinder unter schwierigen Lebensbedingungen begleiteten. Dabei zeigte sich, dass ein Teil dieser Kinder trotz hoher Risiken vergleichsweise gut entwickelte Bewältigungsstrategien und Lebenswege aufwies. Diese Beobachtungen führten zur systematischen Suche nach Schutzfaktoren, die Entwicklung unter Belastung positiv beeinflussen können.
Im Laufe der Zeit wandelte sich das Verständnis von Resilienz: Weg von der Vorstellung eines „unverwundbaren“ Kindes hin zu einem dynamischen Prozess, der von Personen, Beziehungen und Kontextfaktoren gemeinsam getragen wird. Heute gelten stabile Bindungen, positive Erwartungen, Erfolgserlebnisse, Mitsprachemöglichkeiten und unterstützende soziale Netzwerke als zentrale Resilienzfaktoren.
Bezüge zur Kinder- und Jugendhilfe
Salutogenese und Resilienz wurden in der Kinder- und Jugendhilfe insbesondere im Rahmen von Konzepten zur Resilienzförderung, Gesundheitsförderung, Traumapädagogik und sozialräumlicher Arbeit aufgegriffen. Fachkonzepte und Fortbildungen betonen, wie wichtig es ist, Risiken nicht zu verharmlosen, gleichzeitig aber konsequent nach Stärken, Ressourcen und Schutzfaktoren zu suchen und diese zu stärken.
In Hilfeplanung, Kinderschutz und Angebotsentwicklung können salutogenetische und resilienzorientierte Überlegungen dazu beitragen, Hilfen positiver zu rahmen: Weg von der ausschließlichen Reparaturperspektive hin zu einem Verständnis, das Entwicklungschancen und Handlungsspielräume in den Blick nimmt.
Quellen und weiterführende Literatur (Auswahl)
Grundlagentexte zur Salutogenese (z. B. Arbeiten von Aaron Antonovsky), Einführungen in Resilienz und Resilienzförderung im Kindes- und Jugendalter sowie Fachbeiträge zu resilienzorientierter Kinder- und Jugendhilfe bilden die theoretische Grundlage. Ergänzend sind Praxisleitfäden und Fortbildungsmaterialien hilfreich, die konkrete Anregungen für die Umsetzung in Einrichtungen und Diensten der Kinder- und Jugendhilfe geben.
Für die eigene Praxis lohnt sich eine Verbindung von salutogenetischem und resilienzorientiertem Denken mit bestehenden Konzepten, etwa systemisch-lösungsorientierter Arbeit, Traumapädagogik, sozialräumlichen Ansätzen und teilhabeorientierter Hilfeplanung.
Häufige Fragen zu Salutogenese & Resilienz in der Kinder- und Jugendhilfe
Salutogenese fragt nicht zuerst danach, was Menschen krank oder belastet macht, sondern was sie gesund erhält und stärkt. Im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe heißt das: Der Blick richtet sich auf Schutzfaktoren, gelingende Beziehungen, verständliche Strukturen und Entwicklungschancen – auch dann, wenn Kinder und Jugendliche schwierige Erfahrungen gemacht haben.
Resilienz beschreibt die Fähigkeit, trotz Belastungen handlungsfähig zu bleiben und sich weiter zu entwickeln. Salutogenese fokussiert auf die Bedingungen, die Resilienz fördern: ein Gefühl von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. In der Praxis geht es darum, diese Erfahrungen im Alltag von Kindern, Jugendlichen und Familien bewusst zu stärken.
Eine salutogenetische Haltung heißt, systematisch nach Ressourcen und gelungenen Momenten zu fragen: Wann klappt etwas besser, wer ist eine wichtige Stütze, was hat in der Vergangenheit geholfen? Dabei werden Belastungen nicht verharmlost, aber sie stehen nicht allein im Mittelpunkt. So entstehen realistische, stärkende Bilder von Entwicklung – auch in herausfordernden Lebenslagen.
In Hilfeplänen kann Resilienz sichtbar werden, indem Schutzfaktoren und Bewältigungsstrategien ausdrücklich benannt werden: vertrauensvolle Beziehungen, gelingende Kontakte, Interessen und Fähigkeiten, unterstützende Strukturen in Schule, Freizeit oder Sozialraum. Ziele können dann formuliert werden wie: „X soll seine/ihre Stärken im schulischen Alltag häufiger nutzen können“ oder „Bezugspersonen unterstützen X gezielt dabei, an belastenden Tagen trotzdem handlungsfähig zu bleiben“ – jeweils mit konkreten Beispielen und Indikatoren.
Eine salutogenetische und resilienzfördernde Perspektive ersetzt keine genaue Betrachtung von Risiken, Belastungen und Kinderschutzfragen. Sie ergänzt diese vielmehr: Neben dem Blick auf Gefährdungen wird gefragt, welche Ressourcen vorhanden sind und wie sie gestärkt werden können. In Berichten und Hilfeplänen sollte beides seinen Platz haben – Risiken und Schutzfaktoren – klar strukturiert und nachvollziehbar.
Hilfreich sind gemeinsame Routinen: zum Beispiel in Fallbesprechungen neben Problembeschreibungen auch konsequent Ressourcen- und Gelingensperspektiven einzubeziehen, Checklisten für Schutzfaktoren zu nutzen oder regelmäßige „Resilienz-Blicke“ in Teamsitzungen einzubauen. Auch Leitfäden und Textbausteine können unterstützen, damit salutogenetische und resilienzorientierte Aspekte in Hilfeplänen nicht untergehen.
Externe Begleitung kann helfen, salutogenetische und resilienzfördernde Ansätze in Konzepte, Formulare und Hilfepläne zu übersetzen: zum Beispiel durch die Entwicklung von Vorlagen, die Kombination mit anderen Ansätzen (Systemik, Traumapädagogik, ICF-CY) oder die Reflexion konkreter Fälle. So entsteht Schritt für Schritt eine Praxis, die Belastungen ernst nimmt und zugleich Ressourcen systematisch stärkt.
Weiterführende Links
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