ICF-CY (Teilhabe) in der Kinder- und Jugendhilfe
Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) und ihre Kinder- und Jugendversion ICF-CY bieten eine gemeinsame Sprache, um Funktionsfähigkeit, Teilhabe und Umweltfaktoren zu beschreiben. In der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt die ICF-CY eine teilhabeorientierte Sichtweise: Im Mittelpunkt steht nicht Defizit, sondern die Frage, wie Kinder und Jugendliche an wichtigen Lebensbereichen teilhaben können.
Was sind ICF und ICF-CY?
Die ICF ist eine Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Behinderung. Sie beschreibt nicht Krankheiten, sondern deren Auswirkungen auf Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Teilhabe sowie Umweltfaktoren. Die ICF-CY ist die Version für Kinder und Jugendliche (0 bis 18 Jahre) und bildet entwicklungsbezogene Aspekte wie Spiel, Lernen, Kommunikation und soziale Teilhabe differenzierter ab.
Blickwinkel Teilhabe: Aktivitäten und Partizipation
Im Zentrum der ICF-CY steht der Blick auf Aktivitäten und Teilhabe: Was kann ein Kind tun? Wo möchte es einbezogen sein? Welche Lebensbereiche sind für das Kind und seine Familie besonders wichtig? Die ICF-CY macht sichtbar, dass Teilhabe nicht nur von individuellen Fähigkeiten abhängt, sondern auch von Barrieren und Unterstützung im Umfeld. Damit passt sie gut zur UN-Behindertenrechtskonvention und zum modernen Verständnis von Inklusion.
ICF-CY in Hilfeplanung und Eingliederungshilfe
In Hilfeplänen nach § 36 SGB VIII und in der Eingliederungshilfe nach SGB IX kann die ICF-CY helfen, Bedarfe systematisch zu erfassen und Ziele teilhabeorientiert zu formulieren. Statt nur Förderbereiche aufzuzählen, wird beschrieben, in welchen Lebensbereichen die Teilhabe eingeschränkt ist und was sich konkret verbessern soll. Die ICF-CY bietet dafür Referenzkategorien und Lebensbereiche, an denen sich Diagnostik, Zielentwicklung und Maßnahmenplanung ausrichten können.
Praktische Nutzung in Hilfeplänen
In der Praxis bedeutet ICF-CY-basierte Hilfeplanung zum Beispiel: Informationen aus Diagnostik, Gesprächen und Beobachtungen werden den relevanten ICF-Lebensbereichen zugeordnet; Teilhabeziele werden entlang dieser Bereiche beschrieben (z. B. Lernen und Wissensanwendung, Alltagsfertigkeiten, zwischenmenschliche Interaktionen); Maßnahmen beziehen sich auf konkrete Veränderungen von Kontextfaktoren und Unterstützungsleistungen. So entsteht eine nachvollziehbare Linie von der Ausgangslage über Ziele zu Maßnahmen.
Zusammenarbeit im System: gemeinsame Sprache nutzen
Die ICF-CY schafft eine gemeinsame Sprache zwischen Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Schule, Medizin und Therapie. Wenn alle Beteiligten sich auf die gleichen Lebensbereiche und Begriffe beziehen, werden Bedarfe und Ziele besser verständlich, Doppelstrukturen können reduziert und Zuständigkeiten klarer geklärt werden. Für Jugendämter und Träger erleichtert dies die Abstimmung mit anderen Leistungssystemen und die Dokumentation gegenüber Kostenträgern.
Nutzen für Einrichtungen und Jugendämter
Für Einrichtungen und Jugendämter bietet eine ICF-CY-orientierte Hilfeplanung mehrere Vorteile: Sie unterstützt eine teilhabeorientierte Sichtweise, erhöht Transparenz gegenüber Familien und Kostenträgern, erleichtert die interdisziplinäre Zusammenarbeit und schafft eine fachlich nachvollziehbare Grundlage für Entscheidungen. Kinder und Jugendliche profitieren davon, dass ihre Lebenswelt ganzheitlicher betrachtet und ihre Teilhabeziele klarer benannt werden.
Historische Entwicklung von ICF und ICF-CY
Die ICF wurde 2001 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit verabschiedet. Sie löste frühere, stärker defizitorientierte Konzepte ab und etablierte das bio-psycho-soziale Modell als Referenzrahmen: Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten, Teilhabe und Umweltfaktoren werden gemeinsam betrachtet.
Die Kinder- und Jugendversion ICF-CY wurde 2007 veröffentlicht. Sie ist mit der ICF kompatibel, enthält aber zusätzliche, kinder- und jugendspezifische Kategorien, etwa zu Spiel, frühkindlicher Entwicklung, schulischem Lernen oder Peerkontakten. ICF-CY ermöglicht damit eine altersgemäße Beschreibung von Funktionsfähigkeit und Teilhabe von Geburt bis ins Jugendalter.
ICF-CY im deutschsprachigen Raum
Im deutschsprachigen Raum wurde die ICF-CY in den letzten Jahren schrittweise in verschiedenen Handlungsfeldern eingeführt, unter anderem in Frühförderung, Eingliederungshilfe, Rehabilitation und Schulbegleitung. Fachgruppen haben Checklisten und Praxisinstrumente entwickelt, um die umfangreiche Klassifikation für unterschiedliche Altersgruppen handhabbar zu machen.
Mit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) hat die ICF für die Bedarfsermittlung von Leistungen zur Teilhabe an Bedeutung gewonnen. Auch in der Kinder- und Jugendhilfe wird diskutiert, wie ICF-CY-basierte Instrumente die Hilfeplanung strukturieren können. Dabei geht es insbesondere um die Frage, wie Teilhabeziele, Lebensbereiche und Kontextfaktoren in Hilfeplänen abgebildet werden.
Leitidee: Teilhabeorientierung und gemeinsame Sprache
ICF und ICF-CY stehen für einen Paradigmenwechsel: Weg von der ausschließlichen Fokussierung auf Defizite und Diagnosen hin zu einem Verständnis von Funktionsfähigkeit und Teilhabe im Zusammenspiel von Person und Umwelt. Sie bieten eine gemeinsame, interdisziplinäre Sprache, die von Medizin, Therapie, Schule, Jugendhilfe und Eingliederungshilfe genutzt werden kann. Dies passt zur UN-Behindertenrechtskonvention und zum Ziel, Teilhabe und Inklusion systematisch zu fördern.
Quellen und weiterführende Literatur (Auswahl)
World Health Organization (2007): International Classification of Functioning, Disability and Health: Children & Youth Version (ICF-CY). Genf.
World Health Organization (2001): International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF). Genf.
Hirschberg, M. (2025): International Classification of Functioning, Disability and Health. socialnet Lexikon.
Materialien und Checklisten zur ICF-CY, z. B. von interdisziplinären Arbeitsgruppen und Fachgesellschaften. Weitere Informationen bieten u. a. WHO, BfArM, DGfS/DGSPJ sowie Portale zur Bedarfsermittlung nach BTHG.
Häufige Fragen zu ICF‑CY (Teilhabe) in der Kinder- und Jugendhilfe
ICF‑CY steht für „International Classification of Functioning, Disability and Health – Children & Youth“. Sie beschreibt nicht nur Diagnosen, sondern vor allem, wie Kinder und Jugendliche ihren Alltag bewältigen, an welchen Lebensbereichen sie teilhaben können und welche Umweltfaktoren sie unterstützen oder hindern.
Mit ICF‑CY lassen sich Ressourcen, Beeinträchtigungen und Teilhabehindernisse strukturiert erfassen. Damit wird deutlicher, worum es in der Hilfeplanung konkret gehen soll: weniger um Etiketten, mehr um alltagsnahe Ziele, Unterstützungsbedarfe und Entwicklungsräume in Familie, Schule, Freizeit und Sozialraum.
Klassische Diagnosen beschreiben meist, was ein Kind oder Jugendlicher hat (zum Beispiel eine Störung oder Beeinträchtigung). ICF‑CY fokussiert darauf, wie sich dies im Alltag auswirkt: Welche Aktivitäten gelingen, wo gibt es Hürden, welche Umweltfaktoren helfen oder erschweren die Teilhabe? Dadurch werden Ziele und Maßnahmen praxisnäher und ressourcenorientierter.
ICF‑CY kann als strukturierter „Filter“ genutzt werden: Ausgehend von Beobachtungen und Einschätzungen werden relevante Lebensbereiche gesammelt (z. B. Selbstversorgung, Lernen, Beziehungen, Freizeit, Mobilität). Daraus entstehen konkrete, überprüfbare Ziele, die sich an Teilhabe orientieren – zum Beispiel: „Teilnahme am Unterricht“, „stabilere Kontakte in der Gruppe“ oder „sichere Wege im Sozialraum“ – jeweils mit klaren Indikatoren und Vereinbarungen zur Überprüfung.
Nein. Viele Einrichtungen nutzen ICF‑CY zunächst als Orientierungshilfe und gemeinsame Sprache – zum Beispiel mit ausgewählten Bereichen und einfachen Skalen. Wichtiger als Vollständigkeit ist ein gemeinsames Verständnis: Welche Lebensbereiche schauen wir uns an, wie beschreiben wir Teilhabe und wie leiten wir daraus Ziele ab? Schrittweise kann das Wissen im Team vertieft werden.
ICF‑CY muss nicht als zusätzliches System „oben drauf“ kommen. Häufig reicht es, bestehende Hilfeplanformulare, Entwicklungsberichte oder Teamroutinen so zu ergänzen, dass zentrale ICF‑CY‑Gedanken sichtbar werden: klare Teilhabeziele, Umweltfaktoren, Kontextbedingungen und konkrete Indikatoren. So bleibt die Form vertraut, gewinnt aber an Struktur und Nachvollziehbarkeit.
ICF‑CY ist ein hilfreicher Rahmen, ersetzt aber nicht fachliche Einschätzungen, Kinderschutzprüfungen, Diagnostik oder Rechtsberatung. Die Klassifikation strukturiert Informationen, sie entscheidet nicht, welche Hilfen bewilligt werden oder wie Rechtsfragen zu beurteilen sind. Diese Verantwortung bleibt bei den zuständigen Fachkräften, Diensten und Behörden.
Ich unterstütze Sie dabei, ICF‑CY praxisnah in Ihre Hilfeplanung zu integrieren – zum Beispiel durch die Überarbeitung von Formularen, die Entwicklung von Vorlagen und Textbausteinen oder die gemeinsame Reflexion konkreter Fälle. Auf Wunsch kann dies schrittweise erfolgen, so dass Ihr Team Sicherheit im Umgang mit der Systematik gewinnt.
Weiterführende Links
Wenn Sie die Inhalte dieser Seite in Ihrer Praxis der Hilfeplanung vertiefen oder konkret nutzen möchten, finden Sie hier weitere Informationen auf meiner Webseite:
