Mentalisieren (MBT-inspirierte Arbeit) in der Kinder- und Jugendhilfe

Mentalisieren bedeutet, eigenes und fremdes Verhalten mit inneren Zuständen wie Gedanken, Gefühlen, Wünschen und Befürchtungen zu verbinden. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Frage, was ein Kind oder eine Familie tut, sondern auch, was in diesem Moment in ihnen vorgehen könnte und warum dieses Verhalten aus ihrer Sicht Sinn ergibt.

Was bedeutet Mentalisieren im pädagogischen Kontext?

Im pädagogischen Alltag ist Mentalisieren keine einzelne Methode, sondern eine professionelle Grundhaltung. Fachkräfte bleiben neugierig und respektvoll, sie beschreiben Verhalten zunächst wertfrei und formulieren Hypothesen statt schneller Zuschreibungen. An die Stelle von Etiketten wie „unkooperativ“ oder „manipulativ“ treten Fragen: Welche Gefühle könnten gerade eine Rolle spielen? Welche Erfahrungen und Bedeutungen stehen möglicherweise hinter dem Verhalten?

MBT als fachlicher Bezug

Die mentalisierende Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe orientiert sich häufig an der Mentalisierungsbasierten Therapie (Mentalization-Based Treatment, MBT). MBT ist ein psychotherapeutischer Ansatz, der Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie und moderne Psychotherapieforschung miteinander verbindet. Für die Kinder- und Jugendhilfe werden daraus Bausteine übernommen, die helfen, Mentalisierungsprozesse im Alltag systematisch zu fördern – ohne eine Therapie zu imitieren.

Bedeutung für Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII

In Hilfeplänen nach § 36 SGB VIII geht es nicht nur um Maßnahmen, sondern um verstehbare Entwicklungswege. Mentalisieren unterstützt dabei, Hintergründe von Verhalten besser zu erfassen, Ziele an inneren Prozessen wie Emotionsregulation, Perspektivübernahme und Selbstberuhigung auszurichten und Konflikte zu entschärfen. Wenn alle Beteiligten über ihr Erleben sprechen können, werden Hilfepläne nachvollziehbarer und tragfähiger.

Mentalisierende Haltung im pädagogischen Alltag

Eine mentalisierende Haltung zeigt sich in vielen kleinen Situationen: Fachkräfte benennen Beobachtungen, helfen Kindern und Jugendlichen, Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, und stellen verschiedene Sichtweisen nebeneinander. Sie fragen nach gelungenen Momenten und Ausnahmen, um daran anzuknüpfen. So entstehen Gesprächsräume, in denen weniger um Schuld und mehr über Verständnis, Verantwortung und nächste Schritte gesprochen wird.

Umgang mit herausforderndem Verhalten

Gerade bei stark herausforderndem Verhalten besteht die Gefahr, in Negativetiketten und Machtkämpfe zu geraten. Mentalisierende Fachkräfte suchen stattdessen nach Auslösern, Mustern und innerer Logik des Verhaltens. Sie achten auf Überforderung, Scham, Ohnmacht oder das Bedürfnis nach Kontrolle und erarbeiten mit den Beteiligten kleine, realistische Alternativen. Diese werden als konkrete Ziele und Schritte im Hilfeplan benannt.

Zusammenarbeit mit Eltern und Sorgeberechtigten

Mentalisierungsförderung richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern ausdrücklich auch an Eltern und Sorgeberechtigten. Sie werden darin unterstützt, ihr Kind aus dessen Perspektive zu betrachten, eigene biografische Erfahrungen zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen, ohne beschämt zu werden. In Hilfeplänen können hierzu eigene Elternziele und Maßnahmen vereinbart werden, etwa strukturiert angeleitete Reflexionsgespräche oder Elterntrainings mit mentalisierendem Fokus.

Historischer Hintergrund und Entwickler des Mentalisierungskonzepts

Das Konzept der Mentalisierung wurde in den 1990er-Jahren vor allem von Peter Fonagy und Mary Target entwickelt. Ausgangspunkt waren empirische Studien zum Zusammenhang von Bindungssicherheit, der sogenannten „reflective function“ beziehungsweise Reflexionsfähigkeit und der Entwicklung eines stabilen Selbstbildes. Daraus entstand die Idee, Mentalisieren als zentrales Bindeglied zwischen Bindung, Emotionsregulation und Selbstentwicklung zu verstehen.

Parallel dazu wurden klinische Erfahrungen mit Patientinnen und Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung ausgewertet. In diesem Kontext zeigte sich, wie stark Krisen, Impulsdurchbrüche und Beziehungsabbrüche mit Einbrüchen der Mentalisierungsfähigkeit zusammenhängen. Aus dieser Verbindung von Bindungsforschung, Entwicklungspsychologie und psychoanalytischer Praxis entstand ein eigenständiges, theoretisch gut begründetes Mentalisierungskonzept.

Entwicklung der Mentalization-Based Treatment (MBT)

Auf dieser Grundlage entwickelten Anthony Bateman und Peter Fonagy die Mentalization-Based Treatment (MBT) zunächst für erwachsene Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. MBT ist ein manualisierter, integrativer Ansatz, der psychodynamische, kognitiv-verhaltenstherapeutische, systemische und bindungstheoretische Elemente verbindet. In mehreren randomisierten kontrollierten Studien konnte gezeigt werden, dass MBT Rückfälle, Suizidversuche und stationäre Aufenthalte reduzieren kann.

In den letzten Jahren wurde MBT zunehmend für Kinder, Jugendliche und Familien weiterentwickelt, etwa in Form von MBT-A für Jugendliche, familienorientierter MBT-Angebote oder mentalisierungsbasierter Gruppenkonzepte. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass diese Ansätze insbesondere bei Problemen der Emotionsregulation, bei selbstverletzendem Verhalten und bei Störungen des Sozialverhaltens vielversprechende Effekte haben.

Übertragung in Kinder- und Jugendhilfe sowie Hilfesysteme

Für die Kinder- und Jugendhilfe werden die Grundideen der Mentalisierung und der MBT heute in fachliche Leitlinien, Fortbildungen und praxisnahe Konzepte übersetzt. Sie bieten einen theoretisch soliden Rahmen, um Fallverstehen, Hilfeplanung und Krisenintervention stärker an inneren Prozessen und Beziehungen auszurichten. Zugleich bleibt klar: Pädagogische Angebote ersetzen keine Psychotherapie, können aber Mentalisierungsprozesse im Alltag gezielt unterstützen.

Quellen und weiterführende Literatur (Auswahl)

Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E., & Target, M. (2002): Affect Regulation, Mentalization and the Development of the Self. New York: Other Press.

Bateman, A. W., & Fonagy, P. (2004): Psychotherapy for Borderline Personality Disorder: Mentalization-Based Treatment. Oxford: Oxford University Press.

Byrne, G. et al. (2020): Mentalization-based treatments with children and families – A systematic review. In: Current Opinion in Psychology, 25, 1–6.

Weitere Informationen und Praxisleitfäden finden sich u. a. über das Anna Freud National Centre for Children and Families sowie über spezialisierte MBT-Fortbildungsangebote.

Häufige Fragen zu Mentalisieren (MBT-inspirierte Arbeit) in der Kinder- und Jugendhilfe

Mit „mentalisieren“ ist gemeint, dass wir das Verhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als Ausdruck innerer Zustände verstehen: Gedanken, Gefühle, Absichten, Bedürfnisse. Statt nur auf das sichtbare Verhalten zu schauen („aggressiv“, „zieht sich zurück“), fragen wir: Was könnte innerlich gerade los sein? Diese Haltung unterstützt eine zugewandte, neugierige und weniger bewertende Sicht auf schwierige Situationen.

Die mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) wurde vor allem von Peter Fonagy und Anthony Bateman entwickelt. Sie richtet sich ursprünglich an Menschen mit schweren Beziehungskrisen und Persönlichkeitsstörungen. In der Kinder- und Jugendhilfe werden daraus abgeleitete, „MBT-inspirierte“ Haltungen und Mikro-Techniken genutzt: zum Beispiel langsamer werden, neugierige Fragen stellen, Affekte benennen, Missverständnisse klären und gemeinsam über innere Zustände nachdenken – ohne Therapie ersetzen zu wollen.

Viele Kinder und Jugendliche in Hilfen zur Erziehung haben belastende Erfahrungen gemacht. In Stresssituationen „rutschen“ Erwachsene wie Kinder leicht in Modi, in denen sie weniger gut mentalisieren können: alles wird persönlich genommen, Handlungen wirken bedrohlicher oder werden gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Eine mentalisierende Haltung hilft, in Beziehung zu bleiben, Eskalationen zu entschärfen und Entwicklungschancen sichtbar zu machen.

Beim Mentalisieren geht es nicht darum, Kindern und Jugendlichen zu sagen, was sie fühlen oder denken sollen. Stattdessen wird gemeinsam geforscht: „Ich frage mich, ob …“, „Kann es sein, dass …?“ Diese neugierige, vorläufige Art des Sprechens unterscheidet sich von moralisierenden Botschaften oder schnellen Erklärungen. So bleibt Raum für die subjektive Sicht des Kindes oder Jugendlichen und für einen echten Dialog.

Mentalisieren kann sich in Hilfeplänen zum Beispiel darin zeigen, dass innere Zustände und Beziehungserfahrungen ausdrücklich benannt werden: Was löst eine Situation aus, was hilft bei der Beruhigung, welche erwachsenen Bezugspersonen geben Halt? Ziele können dann formuliert werden wie: „X soll besser verstehen können, was in Konfliktsituationen in ihm/ihr vorgeht“ oder „Bezugspersonen reagieren in Eskalationen häufiger mentalisierend (beschreiben, nachfragen, klären)“ – jeweils mit konkreten Beispielen und Indikatoren.

Für eine mentalisierende Grundhaltung sind keine therapeutischen Zusatzqualifikationen zwingend erforderlich. Sie lässt sich in vielen pädagogischen Teams schrittweise einüben: zum Beispiel durch Fallbesprechungen mit mentalisierenden Leitfragen, Reflexionsrunden nach Krisensituationen und eine Sprache, die innere Zustände achtet. Gleichzeitig ersetzt dies keine Therapie; bei gravierenden psychischen Belastungen bleiben Fachärztinnen, Therapeut:innen und Kliniken wichtige Partner.

Hilfreich sind feste Routinen: kurze Reflexionsrunden nach herausfordernden Situationen, Leitfragen in Fallbesprechungen, Kollegiale Unterstützung in Momenten, in denen das eigene Mentalisieren schwerfällt. Auch schriftliche Hilfen – zum Beispiel Leitfäden für Gespräche, Checklisten oder Textbausteine in Berichten – können dazu beitragen, dass eine mentalisierende Haltung nicht vom Zufall abhängt, sondern im Team geteilt wird.

Externe Begleitung kann helfen, mentalisierende Haltungen und MBT-inspirierte Elemente alltagstauglich zu machen: zum Beispiel durch die gemeinsame Entwicklung von Leitfragen, Gesprächsstrukturen, Hilfeplanvorlagen und Formulierungen, die Belastungen ernst nehmen und gleichzeitig Beziehung, Selbstregulation und Entwicklung im Blick behalten.

Weiterführende Links

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